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EWS #2 Manizales- Kolumbien

Von Staub zu Schlamm. Der zweite Stopp der EWS versprach eine ganz andere Herausforderung als der Saisonauftakt in Chile. Die Enduro World Series wurde zur Enduro WET Series. Doch nicht nur der Matsch war eine andere Herausforderung, auch die erste Urban Downhill Stage stellte neue Anforderungen an Fahrer und Material. Anita Gehrig berichtet…

„Schon Montag nach dem Rennen in Lo Barnechea geht es weiter mit der Reise. Für mich, nach meinem schweren Sturz vom Vortag, noch mit einem Stopp im Spital in Santiago, um einige Röntgenbilder zu machen. Meine bessere Hälfte Caro ist geduldig und hat mir nicht nur alles gepackt, sondern schleppt auch mein ganzes Gepäck rum. Am Flughafen habe ich die smarte Idee nach einem Upgrade zu fragen, schliesslich bin ich offensichtlich gerade etwas benachteiligt…  Damit beisse ich nicht nur auf Granit, sondern heimse mir auch gleich noch mehr Probleme ein; plötzlich muss ich nämlich eine ärztliches Attest, dass meine Beförderungsfähigkeit bezeugt, vorweisen können. Na toll – sowas habe ich nicht! Zum Glück steht Nacho einer der Montenbaik Organisationscrew auch gerade am Check-In und schafft es, das Dokument innert  15 Minuten zu organisieren. Mit unserem bescheidenen Spanisch hätten wir die Situation wohl nicht zum Guten gewendet.

In Kolumbien angekommen, könnte die Kulisse nicht unterschiedlicher sein, es ist schwül warm und aus der Bar neben unserer Unterkunft für die Nacht dringt lauter Latino Sound- wir sind offensichtlich an einem komplett anderen Ort angekommen. Die Freude hier zu sein übersteigt meine Schmerzen am ganzen Körper um einiges!

Manizales liegt in Zentralkolumbien im Gebiet Caldas, berühmt als magisches Dreieck für Kaffeeanbau in Kolumbien. Die Stadt hat mit knapp 500’000 Bewohnern eine ordentliche Grösse, ist aber eingebettet in eine wunderbare grüne Hügellandschaft.

Am Donnerstag morgen werden wir langsam aber sicher etwas nervös, denn die Bikes und der Koffer mit allem Werkzeug und Ersatzmaterial sind noch nirgends aufgetaucht – schliesslich geht das Training am Freitag los! Nach etlichen Telefonaten in den vergangenen Tagen kann man uns aber heute grünes Licht geben, die Bikes sind in Manizales am Flughafen, vom Koffer aber keine Spur. Von der Stadt haben wir langsam aber sicher genug und Caro brennt darauf aufs Bike zu kommen.

Ich biete mich als Fahrer für Caro und Alois, unseren Schweizer Kollegen an, an selber fahren ist für mich noch nicht zu denken. Zusammen machen sie die „Coffee Trails“ von den Gutierrez Brüdern unsicher. Die wunderschöne Landschaft haut mich auch hinter dem Steuer vom Hocker und in mir regt sich immer mehr die Frage, ob ich es echt trotzdem wagen kann, am Trainingstag aufs Bike zu steigen… Der gesunde Menschenverstand würde wohl Nein sagen, schliesslich habe ich 10 Stiche in der Hand und meine zweite Hand kann ich kaum drehen.

Nach der rund dreistündigen Therapie vom Vortag fühle ich mich aber tatsächlich besser, mit Schmerzmittel, viel Tape und Bandagen an den Händen mache ich mich zusammen mit Caro auf zur ersten Stage. Die Konditionen sind anspruchsvoll rutschig, da es wiederum über Nacht geregnet hat. Caro meistert die Rutschbahn ohne Probleme, doch ich muss immer mal wieder vom Bike und Passagen schieben, zu stark machen sich die Prellungen bemerkbar und einen Sturz riskieren möchte ich nicht.

Caro hat im Training grossen Spass und kommt am Abend müde und zufrieden wieder zurück. Sieben Stages standen für sie auf dem Programm, ich habe mich früher verabschiedet und schone mich lieber. Die Frage, ob ich am Start stehen werde kann ich noch nicht beantworten, ich habe mühe mich am Lenker zu halten und schnelle Schläge sind Hölle. Vielleicht hilft ja nochmals eine Nacht drüber schlafen!

Am Samstag steht nur eine Stage an, diese ist aber so spektakulär wie noch nie – Urban  Downhill durch die Gassen und Treppen von Manizales. Schon beim Trainingslauf am Morgen säumen hunderte Leute den Track und wir können nur erahnen, wie die Stimmung zum Finale sein muss. Alles ist perfekt organisiert und auch steht viel Polizei am Streckenrand, die Kolumbianer scheuen keinen Aufwand, um uns ein unvergessliches Rennen zu bieten. Im Trainingslauf habe ich nicht allzu starke Schmerzen und ich entscheide mich, definitiv am Rennen teilzunehmen und wenigstens ein paar Punkte für das Overall heraus zu fahren, ein Top Resultat ist in meinem Zustand jedoch klar ausser Reichweite. Pünktlich zu unserem Start ist die Stimmung am Streckenrand am brodeln, tausende Menschen feiern jeden Fahrer ab! So was haben wir noch nie erlebt und beide geniessen wir die Fahrt in der Menge.  Caro gelingt ein guter Lauf auf dem sechsten Zwischenrang, für mich schaut Platz 11 heraus. Pünktlich nach den Herren gehen die Himmelsschleusen auf und es regnet aus Strömen.  „Hoffentlich hält es nicht an“, denken wir beide.

Über Nacht prasselt noch mehr Regen nieder und es ist klar, dass es eine Wiederholung der „Enduro Wet Series“ geben würde. Glücklicherweise entscheidet der Veranstalter, dem Wetter sei dank, eine Abfahrtsetappe zu streichen.

Beim Transfer zur ersten Stage des Tages können wir uns ein Bild über die Bedingungen der Strecke machen; Matsch und tiefe Spurrillen sind wohl die Tagesordnung. Wir stellen uns auf ein hartes Rennen ein! Caro beginnt die erste Etappe beherzt, fällt aber auch bald in den tiefen Matsch. Viele Passagen sind unfahrbar geworden und es bleibt uns nichts anderes übrig, als das Bike durch den Morast zu schieben. Die Reifen gehen dabei so sehr zu, dass man den Dreck immer mal wieder von Hand heraus nehmen muss. Die vielen Zuschauer pushen einen aber wahnsinnig, es freut uns unglaublich, dass wir fernab von zuhause, immer wieder unseren Namen rufen hören. So gibt nur eines – weitermachen!

Ich für meinen Teil versuche einfach durchzukommen und fahre so, dass ich nicht unbedingt nochmals zu Boden gehe, was im Verlaufe des Rennens zwar nicht ganz gelingt, aber mir nicht noch zusätzliche Schmerzen bringt.

Stage vier bleibt wohl für alle das „Downlight“ des Tages, es ist ein reiner Kampf ins Ziel zu kommen! Wer mehr als 100m mit beiden Füssen eingeklickt war, war sicher in der Minderheit. „So blöd bin ich mir im Leben noch nie vorgekommen auf meinem Bike, ich bin nur auf dem Sattel rumgeplumst und habe stellenweise mit beiden Füssen angegeben“, meint Caro.

Die fünfte Wertungsprüfung hat etwas mehr Fluss und weniger Schlamm, Caro gelingt eine gute Fahrt, welche sie auf den 5. Platz bringt.  „Im engen, lehmigen Channel hatte ich jeweils mindesten einen Fuss an der Wand, es war so rutschig! Dennoch hatte ich einfach Spass es laufen zu lassen“, so Caro.

Nach vier Etappen geht es endlich zurück ins Eventgelände und wir können unsere Bikes unserem Mechaniker Kili aushändigen. Die nächsten beiden Prüfungen sind in unmittelbarer Nähe und bereits gesäumt mit Zuschauern.
Stage 7 hat den besten Grip des Tages, dafür auch noch einige fiese Tretpassagen die einem die letzte Power aus den Beinen saugt. Vor allem aber bietet sie nochmals ein Zuschauerspektakel, die Rufe der Fans tragen einen förmlich ins Ziel. Die letzte Etappe ist wohl die kürzeste Stage der EWS Geschichte, eigentlich ist sie nur eine kurze Abfahrt über englischen Rasen und einige Kurven, um ins Eventgelände einzufahren. Dieses ist voller frenetischer Zuschauer, die einen in Empfang nehmen.

Ich bin unendlich froh und auch etwas stolz,  nur eine Woche nach dem Crash in Kolumbien ins Ziel einzufahren. Mehr als Platz 11 kann ich mit meinen Blessuren nicht erreichen, aber wenigstens ein paar Punkte für die Gesamtwertung und ein Rennen mehr, an das ich mich sicher sehr lange erinnern werde.
Caro ist mit ihrem Resultat nicht vollends zufrieden– „Zuviel Zeit im Schlamm vertrödelt, solange ich mein Bike nicht schieben musste, hatte ich ganz gute Resultate und auch Spass, aber die blockierten Räder gingen mir irgendwann echt auf die Nerven. Schade trotzdem, hat es nicht für mehr gereicht. “

Nun freuen wir uns auf die weiteren Rennen in Europa und ich hoffe, ich kann mich schnellstmöglich von meinen Hämatomen erholen.

Die Kolumbienreise wird uns lange in bester Erinnerung bleiben, die wunderschöne grüne, exotische Landschaft, wahnsinnig freundliche Leute und absolut überwältigende Gastfreundschaft hat uns vom Hocker gehauen!“

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